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Plötzlich ein Ruf: "Straße frei! Rotfront!"

Letzte Zeitzeugen erinnern sich an die schreckliche „Blutnacht von Wöhrden“ anno 1929
von Holger Piening

März. 1929. Deutschland zählt über drei Millionen Arbeitslose und ist mit acht Milliarden Reichsmark verschuldet. In Schleswig-Holstein ist die Situation besonders brenzlig, hier treibt die Wirtschaftskrise das Landvolk auf die Barrikaden.

In Dithmarschen ist es erstmals zu Tätlichkeiten zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten gekommen. Ein Dutzend SA-Männer, die einer Bauernversammlung im „Dithmarscher Hof' (heute „Oldenwöhrden") als Zuhörer beiwohnten, wurden von etwa 50 Kommunisten aus Wesselburen, Wöhrden und Meldorf verdroschen.

Landwirt Hans Willy Sierk (89) aus Süderholm. 1927 Mitgründer der Heider SA, ist dabei gewesen: „Wir saßen gleich vorn an der Theke und die Kommunisten im Kleinen Saal. Ihr Anführer Christian Heuck aus Wesselburen beschimpfte den Redner und stimmte dann die Internationale an." Im lauten Chor erklang: „Völker, hört ihr die Signale". Die SA hielt mit dem Horst-Wessel-Lied („Die Fahne hoch") gegen, bis die Kommunisten auf sie losgingen und die Fahne entrissen. Die Nationalsozialisten flohen vor den Schlägen durch die Küche. Einige sprangen gar durch ein geschlossenes Fenster.

Nach diesem Ereignis verbietet der Landrat eine für den 7. März 1929 geplante NSDAP-Versammlung in Wöhrden. Dennoch versammeln sich rund 200 Nationalsozialisten an diesem trüben Donnerstag in Wöhrden. Statt einer Kundgebung findet um 20 Uhr im „Handelshof" eine Mitgliederversammlung statt.

Willy Sierk weiß Einzelheiten: „Während drinnen Rucksackmajor Dinklage sprach, standen wir SA-Leute auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgereiht nebeneinander. Heuck marschierte mehrfach mit etwa 100 Kommunisten an uns vorbei, mit Frauen und Kindern und Musik." Die SA habe sich aber trotz dieser Herausforderung nicht gerührt. Nach Versammlungsschluss bekommen die in Zivil erschienenen Sturmmänner Rudolf Marohn (Arbeiter bei der Kanalmeisterei Grünental) und Walter Möller (Karolinenkoog) den Auftrag, unauffällig festzustellen, ob die Kommunisten noch im Ort sind. Sierk: „Ich stand dabei, als sie meldeten: .Alles ruhig. Nichts zu hören und nichts zu sehen.'"

Standartenführer Dr. Emil Grantz beschließt daraufhin, seinerseits in Wöhrden Flagge zu zeigen: Vor der Rückfahrt soll die Dithmarscher Sturmabteilung durchs Dorf marschieren. Der lange Zug biegt kurz nach 21 Uhr von der Großen Straße in die Chausseestraße (heute Meldorfer Straße) ein. Die Spitze hat schon wieder den „Handelshof" vor Augen, als sich von der Lindenstraße, einer dunklen Seitengasse, die Kommunisten nähern.

Dies hat der frühere Bäckermeister Willy Will (84) aus Linden beobachtet. Er sah dem Geschehen vom Haus seiner Großeltern August und Dorothea Keuch aus zu. Beide Parteien rissen sich Latten von den Gartenzäunen, um sich zu bewaffnen. Es begann ein wildes Hieben und Stechen."

Willy Sierk: „Wir sangen gerade das Schleswig-Holstein-Lied, als vor mir ein lauter Ruf ertönte: Straße frei! Rotfront! Diese Worte werde ich nie vergessen." Mit Kohlmessern. Stahlstöcken und Schlagringen brechen die Kommunisten seitlich in die unbewaffnete SA-Kolonne ein. Der SA waren von ihrer Führung Waffen verboten (diese Angaben werden von den Gerichtsprotokollen bestätigt).
Mit Fäusten, eilig besorgten Knüppeln. Flaschen und sogar Luftpumpen suchen die Nationalsozialisten sich gegen Totschläger und Dolche zu wehren. Bald sinken die ersten Verletzten blutüberströmt zu Boden. Der 20jährige Bauernsohn Hermann Schmidt aus St. Annen und der 34jährige Tischler Otto Streibel aus Rost werden erstochen. „Den toten Streibel haben sie direkt an unsere Hauswand gelehnt" erinnert sich die gebürtige Wöhrdenerin Minna Hansen (91) schaudernd im Gespräch mit der DLZ/BZ. Der ehemalige Landwirt Gustav Claußen (93) aus St. Annen, jetzt Westerdeichstrich, damals SA-Mitglied: „Ein Täter hat mit seinem Dolch erst Schmidt in die Niere gestochen und sich dann umgedreht und Streibel im Herz getroffen."

Der Kommunist Johannes Stürzebecher aus Friedersdorf (Schlesien) verblutet - vermutlich weil er über einen Schneehaufen gestolpert und ins eigene Messer gefallen ist.

Als endlich Polizei einschreitet, sind drei Menschen tot, sieben schwer und 23 leicht verletzt.

Quelle: DLZ v. 19.12.1997